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Berichte von der IDS-Tagung (V): Anatol Stefanowitsch und Gereon Müller

12. März 2010

Der von Stefan Engelberg angekündigte „Showdown“ in Form der Vorträge von Anatol Stefanowitsch und Gereon Müller beendete die 46. Jahrestagung des IDS. Tatsächlich hingen die Themen beider Vorträge sehr eng miteinander zusammen: Beide beschäftigten sich mit der Syntax des Deutschen. Beide präsentierten und diskutierten eine Reihe von Konstruktionen im Deutschen. Beide argumentierten, dass es theoretisch unplausibel sei, zwei sprachverarbeitende Systeme anzunehmen, so lange eines genüge, um alle syntaktischen Phänomene zu erklären. Und hier hörten die Gemeinsamkeiten auf.

Anatol Stefanowitsch hatte folgendes im Abstract zu seinem Vortrag angekündigt:

„Es ist unbestritten, dass in allen natürlichen Sprachen Konstruktionen im Sinne der Konstruktionsgrammatik (also komplexe, nicht-kompositionelle Form-Bedeutungspaare) existieren. […] Da Menschen offensichtlich in der Lage sind, Konstruktionen (im o.g. Sinne) zu erwerben und zu verarbeiten, muss ein entsprechendes, konstruktionsverarbeitendes System existieren. Dieses kann auch nicht-idiomatische (regelhafte) Strukturen verarbeiten. Umgekehrt kann aber ein regelverarbeitendes System nicht ohne weiteres idiomatische Strukturen verarbeiten. Ockhams Rasiermesser sagt uns, dass eine Grammatik mit nur einem System einer mit zwei Systemen ceterus paribus vorzuziehen ist.“

In seinem Vortrag zeigte er am Beispiel der Wh-in-aller-Welt-Konstruktion, dass und wie Konstruktionsgrammatik in der Lage ist, die syntaktischen Beschränkungen, die Bedeutung und die Gebrauchsbedingungen zu erklären und dass die daraus folgenden Vorhersagen mit Hilfe korpuslinguistischer Methoden empirisch überprüft werden können.

Gereon Müller dagegen war mit einer anderen Zielsetzung angetreten:

„Eine Standardannahme in regelbasierten Grammatikmodellen ist es, dass komplexe linguistische Ausdrücke ins Lexikon gehören, wenn sie Konstruktionen sind, und in einem regelbasierten Bereich der Grammatik erfasst werden, wenn sie keine Konstruktionen sind. Dies führt zu einer inhomogenen und konzeptuell daher wenig attraktiven Theorie, die zwei mögliche Quellen für komplexe linguistische Ausdrücke vorsieht: Lexikon und Grammatik. Grundsätzlich gibt es zwei Auswege aus diesem Dilemma: Zum einen kann man die Rolle von Konstruktionen stärken, so dass Konstruktionen viel (Jackendoff, Culicover) oder sogar alles (Goldberg, Tomasello, Ackermann & Webelhuth) von dem abdecken, was traditionell von grammatischen Regeln behandelt wird. Zum anderen kann man aber auch versuchen, die Rolle von Regeln zu stärken, so dass Regeln viel oder sogar alles von dem abdecken, wofür man typischerweise Konstruktionen bemüht. In diesem Vortrag möchte ich […] argumentieren, dass ein ausschließlich regelbasierter Ansatz nicht nur deskriptiv konkurrenzfähig ist, sondern darüber hinaus auch explanativ überlegen […]. Die allgemeine Konklusion wird sein, dass es vermutlich gar keine Konstruktionen gibt.“

Müllers zentrale Fallstudie beschäftigte sich mit sogenannten „verblosen Direktiven“ (wie in „In den Müll mit den Klamotten!„), die als sichere Kandidaten für Konstruktionen im Deutschen betrachtet werden könnten. Müller argumentierte jedoch, dass es sich bei verblosen Direktiven um  eine Art von Antipassiv-Bildung handele, die von einer aus dem Isländischen bekannten Transformationsregel der „stilistischen Voranstellung“ begleitet werde. Seine Analyse beseitige alle von Jacobs aufgeführten Probleme, die mit einer Behandlung dieser Konstruktion als vollständig regelhaft einhergehen. Seine Schlussfolgerung war, dass seine Analyse zeige, dass es auch im Falle scheinbar prototypischer Konstruktionen möglich sei, diese allein auf der Grundlage syntaktischer Regeln zu erklären. Der Rest sei nur die nun noch zu erledigende Arbeit, alle „Konstruktionen“ des Deutschen entsprechend zu analysieren. Sein Arbeitsprogramm sei: „Stück für Stück weg mit den Konstruktionen!“

An dieser Stelle sah es nach einem unüberbrückbaren Widerspruch zwischen beiden Vortragenden aus. In dieser Hinsicht sehr erhellend war jedoch die Frage von Peter Uhrig aus Erlangen an Gereon Müller, ob dieser eigentlich nur an einer in sich widerspruchsfreien und ästhetischen Theorie interessiert sei, oder ob diese Theorie seiner Meinung nach auch psychologisch real sein müsse. Müller antwortete sehr klar und knapp, dass tatsächlich nur ersteres der Fall sei. Anatol Stefanowitsch dagegen hatte sowohl im Abstract als auch im Vortrag und Diskussion eindeutig auf eine kognitiv reale Beschreibung der menschlichen Sprachfähigkeit abgezielt. Insofern ist es eigentlich weder nötig noch möglich, beide Argumentationen miteinander zu vergleichen – aus dem simplen Grund, dass hier völlig unterschiedliche theoretische Ansprüche und Zielsetzungen vorliegen. Auch die daraus folgenden empirischen Vorhersagen sind vollkommen verschieden und können daher nicht als Entscheidungskriterium für den einen oder anderen Ansatz dienen.

Vielleicht war dies der Grund, warum die Konferenz auch an ihrem dritten Tag recht friedlich verlief und auch der „Showdown“ zwar ein hochinteressanter, aber nicht im eigentlichen Sinne kontroverser Abschluss einer spannenden IDS-Jahrestagung war.

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9 Kommentare leave one →
  1. 12. März 2010 15:24

    Für mich war der „Showdown“ eine intellektuell stimulierende Aufgabe. Gereon Müller ist ein interessanter (und formidabler) „Gegner“, weil er sich in der Auseinandersetzung mit konstruktionsgrammatischen Ideen selten auf A-Priori-Argumente zurückzieht, sondern immer anhand konkreter Phänomene aufzeigt, warum er der Meinung ist, dass seine Version der generativen Grammatik bessere Analysen liefert. In dem konkreten Fall der verblosen Direktiven bleibt seine alternative Analyse in ihrer deskriptiven Reichweite deutlich hinter der von Joachim Jacobs (2008) vorgelegte Analyse zurück, so dass sie für mich nur bekräftigt hat, dass verblose Direktive vermutlich als Konstruktion aufgefasst werden müssen, aber die Regularitäten im Verhältnis zwischen einem verblosen Direktiv wie Nieder mit den Studiengebühren und einem Imperativ Macht die Studiengebühren nieder aufgedeckt hat, sind trotzdem bedenkenswert (wobei abzuwarten bleibt, ob sie sich empirisch zeigen lassen). Obwohl ich es für unwahrscheinlich halte, dass er und ich einander jemals von der jeweils eigenen Sichtweise überzeugen werden, sind Diskussionen mit ihm gerade wegen der Radikalität und Klarheit seiner Position ein Gewinn.

    Lit.
    Jacobs, Joachim (2008): Wozu Konstruktionen? Linguistische Berichte 213, 3-44.

    • 18. März 2010 10:40

      Das sehe ich auch so. Ein Gewinn sind solche Diskussionen sicherlich, vielleicht gehen mit ihr sogar Erkenntnisse einher. Die Erkenntnis etwa, dass man wunderbar Zeit damit verbringen kann, ausgehend von einem Set an Annahmen Theorien und Hypothesen aufzustellen, die nur dadurch ein Minimum an Überzeugungskraft erreichen, dass sie theorieintern plausibel sind. Solange keine Aussage über die kognitive Realität von SprachbenutzerInnen gefällt wird, ist dieses l’art pour l’art-Spiel ja ein toller Zeitvertreib. Nur: Was sagen mir die Hypothesen über sprachbegabte und -fähige Menschen, die tatsächlich eine Konstruktion (oder eben Regel) lernen, identifzieren und *verstehen* müssen? Nichts. Und was hilft eine Theorie, die starke Hypothesen über die menschliche Sprachfähigkeit formuliert, ohne diese je testen zu können? Anders gefragt: Was mache ich mit einer Theorie, deren Annahmen nicht falsfizierbar sind, weil der Ansatz seinem Selbstverständnis nach immun gegen empirische und psychologische Plausibilisierungen ist, trotzdem aber empirische Erklärungsansprüche erhebt?
      Ganz grundsätzlich müssten zunächst methodologische und wissenschaftstheoretische Aspekte diskutiert werden, bevor überhaupt eine Diskussion zwischen zwei Paradigmen möglich ist, die sich hinsichtlich ihres Erkenntnisinteresses kaum unterscheiden, hinsichtlich ihres methodischen Selbstverständnisses aber kaum unterschiedlicher sein können.

  2. Gereon Mueller permalink
    19. März 2010 11:08

    Die Konstruktionsgrammatik muss zwar nicht widerspruchsfrei sein, ist aber dafuer besser falsifizierbar als klassische regelbasierte Ansaetze? Nun ja.

    Ich unterrichte naechstes Semester ein Seminar zur Konstruktionsgrammatik und waere (als Laie in diesem Bereich) fuer Verweise auf (konstruktionsgrammatische) Literatur dankbar, wo mal gezeigt wird, wie eine konstruktionsgrammatische Analyse falsifiziert werden kann und aus diesem Grund aufgegeben oder stark umgebaut werden muss.

    • 20. März 2010 15:19

      Ein schönes Beispiel für eine Konstruktionsgrammatik-interne Kontroverse ist die Behandlung von Argumentstrukturkonstruktionen in verschiedenen Teilströmungen. Es wird oft so getan, als sei Goldbergs Analyse Konsens, aber das ist nicht der Fall.

      Hier argumentiert Paul Kay explizit gegen Goldbergs Analyse der „Ditransitive Construction“, „Caused-Motion Construction“ und „Resultative Construction“ und für eine Alternative, die nur eine einzige Konstruktion postuliert (die „ABC Construction“) und den Rest über den Beitrag der Wörter und die Art der Konstituenten regelt:

      http://www.icsi.berkeley.edu/~kay/bcg/5/lec05.html

      Diese Art der theorieinternen Diskussion gibt es in der Konstruktionsgrammatik m.E. zu wenig, sodass die KxG derzeit eine relativ heterogene Familie von Theorien und konkurrierenden Analysen ist. Das gibt „Gegnern“ die Möglichkeit, sich immer einen Aspekt herauszugreifen, der eine gute Angriffsfläche bietet, und dann zu behaupten, man habe damit die KxG als Ganzes diskreditiert.

      • 21. März 2010 15:03

        Es geht natürlich nicht darum, ganze Theorien (wie Konstruktionsgrammatiken oder regelbasierte Ansätze) zu falsifizieren, sondern „nur“ diejenigen Annahmen zu falsfizieren, zu schwächen oder unplausibel werden zu lassen, die in diesen Theorien über die Natur der Sprache und der Menschen, die Sprachen lernen, benutzen und verstehen, gemacht werden. Sollte dann nach emsiger empirischer Forschung der Zeitpunkt gekommen sein, dass viele zentrale Annahmen eines Ansatzes ins Wanken geraten, wäre aber durchaus darüber nachzudenken, ob nicht die Theorie als Ganze unbrauchbar geworden ist. Der Zeitpunkt scheint mir gekommen zu sein.
        Im Schnittfeld von KxG-Ansätzen und generativen Ansätzen gibt es eine ganze Reihe von Studien, die zentrale Thesen beider ‚Paradigmen‘ betrifft. Ich denke da etwa an die These, dass aus dem ‚reinen‘ Input keine sprachlichen Strukturen gelernt werden können (dazu etwa Behrens 2003, 2006), aber auch an die These, „that frequency matters“ (die Literatur dazu ist kaum mehr zu überblicken; vgl. z.B. das Graduiertenkolleg in Freiburg http://frequenz.uni-freiburg.de/abstract ), sprachliche Generalisierungen aber auch schon auf der Basis eines geringen Inputs möglich sind und Generalisierungen eine kognitives Korrelat haben (etwa Goldberg 2009; Brooks/Tomasello/Lewis/Dudson 1999). Solche Thesen (und deren Voraussagen) lassen sich empirisch testen, und die Ergebnisse geben Hinweise darauf, wie vernünftig die Thesen sind.

        Literatur:
        Behrens, Heike: Wortarten-Erwerb durch Induktion, in: Knobloch, Clemens; Schaeder, Bernhard (Hg.): Wortarten und Grammatikalisierung: Perspektiven in System und Erwerb, Berlin 2005, S. 177-197.
        Behrens, Heike (2006): Input – output relationship in first language acquisition. In: Language and Cognitive Processes (1/2/3), S. 2-24.
        Adele E. Goldberg. 2009. The Nature of Generalization in Language. [Target Article] Cognitive Linguistics 20 1: 93-127.
        Brooks, P., Tomasello, M., Lewis, L., & Dodson, K. (1999). Children’s overgeneralization of fixed transitivity verbs: The entrenchment hypothesis. Child Development, 70, 1325-37.

  3. 22. März 2010 09:23

    @Gereon Müller:

    Es hat ja niemand etwas gegen Widerspruchsfreiheit gesagt. Man kann wohl auch nicht Widerspruchsfreiheit als Anspruch für eine Theorie aufgeben, und „dafür“ Falsifizierbarkeit bekommen.

    Ich denke, hier liegen in jedem Fall zwei potentielle Missverständnisse vor. Das eine betrifft den Begriff der Falsifizierbarkeit, das andere den Begriff der Widerspruchsfreiheit.

    Wenn man den Begriff der Falsifizierbarkeit genauer bestimmen will, muss man natürlich auch darüber sprechen, was man als Datum gelten lassen möchte. Kognitiv orientierte Theorien sind ganz ausdrücklich an Gebrauchsdaten in jeder Form interessiert, d.h. dass sowohl Korpora als auch durch Elizitation und experimentell gewonnene Daten, sofern sie nicht den Vorhersagen der Theorie entsprechen, zu einer Revision theoretischer Annahmen führen können und müssen. Schließt man solche Daten als Performanzphänomene von vornherein aus, hat man es schon automatisch mit einer anderen Art der Falsifizierbarkeit zu tun. Wenn ich Sie in Ihrem Vortrag richtig verstanden habe, so akzeptieren Sie mögliche und unmögliche Sätze in einer Sprache als Daten. Diese muss Ihre Analyse abdecken, tut Sie es nicht, müssen Sie sie revidieren. Insofern ist auch Ihr Ansatz falsifizierbar, aber die Art der Daten, die Sie als solche akzeptieren, ist eine andere.

    Was die Widerspruchsfreiheit angeht, so kann ich mir auch hier vorstellen, dass man hier von zwei verschiedenen Dingen reden kann. Natürlich darf eine kognitiv orientierte Grammatiktheorie nicht in Widerspruch zu dem stehen, was über Kognition und kognitive Prozesse bekannt ist. Was aber eine solche Theorie nicht unbedingt erreichen will, ist eine Theorie, die schöner und widerspruchsfreier ist als die Realität. Das heißt zum Beispiel, um hier ein möglichst wenig kontroverses Beispiel zu zitieren, dass es in dieser Theorie sprachliche Einheiten geben kann, die sowohl regelhaft erzeugt als auch im Lexikon gespeichert sein können (siehe Langackers Rule-List-Fallacy). Das ist weder besonders ästhetisch noch ökonomisch, aber es gibt Gründe dafür, anzunehmen, dass das der kognitiven Realtität entspricht.

    Und zu den Literaturhinweisen: Arne Zeschels Aufsatz „What’s (in) a construction? Complete inheritance vs. full-entry models“ ist meiner Meinung nach ein gutes Beispiel dafür, wie man theorieinterne Diskussionspunkte in empirisch überprüfbare Vorhersagen überführen und aus der empirischen Studie heraus dann eine der theoretisch möglichen Annahmen zurückweisen kann.

    Langacker, Ronald (1987). Foundations of Cognitive Grammar: Bd. 1 – Theoretical Prerequisites, Stanford: Stanford University Press.

    Zeschel, Arne (2009). What’s (in) a construction? Complete inheritance vs. full-entry models, in: Vyvyan Evans & Stéphanie Pourcel (Hgg.), New Directions in Cognitive Linguistics, Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins. S. 185-200.

  4. 28. Mai 2010 17:21

    Wann sollen die Proceedings eigentlich herauskommen?

    • 1. Juni 2010 18:30

      Ich habe da auch keine genauen Informationen, aber Gereon Müllers Papier – meines Erachtens eine recht genaue Verschriftlichung des Vortrags – ist bereits online auf seiner Leipziger Webseite zu finden.

      Stefan Engelbergs Vortrag basiert auf einem bereits 2009 erschienenen Papier.

      Auf alles andere müssen wir wohl noch ein wenig warten.

  5. 4. Juni 2010 13:15

    Mich interessiert derzeit leider am meisten der Artikel von Webelhuth.

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