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„Schottern“ googeln (oder googlen?). Konstruktionsgrammatik und Diskursanalyse

5. November 2010

Gestern hörte ich in der Berichterstattung über den Kastortransport nach Gorleben nicht Claudia Roth — wie sonst immer — sondern genauer auf einen Aktivisten, der dem geneigten Publikum an den Fernsehern ins Heim erklärte, was denn unter dem Begriff „schottern“ zu verstehen sei. Zwar zirkuliert der Begriff auch als „Castor Schottern“ schon seit geraumer Zeit in den Applikationen des Web 2.0, ist tausendfach vermehrt in Twitter, Facebook und den üblichen Diensten und sucht nach Aufmerksamkeit (das ist übrigens positiv zu verstehen). Aber wenn im Frühstücksfernsehen der ÖR die sich gegenüberstehenden Parteien einen semantischen Kampf um den Begriff das „Schottern“ führen, dann ist er in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Für Konstruktionsgrammatiker könnte der Begriff aus zwei Gründen interessant sein. Zum einen, weil sich an ihm illustrieren lässt, wie eine okkasionelle Bildung eines Verbs als desubstantivische Konversion zwar die primäre Bedeutung der Konstruktion (‚jmd./etwas tut etwas wiederholend / fortwährend [hämmern, lächeln etc.]‘) aufruft, allerdings nicht in der Spezifizierung, die man erwarten würde: „Am Tag X werden wir mit tausenden unterschiedlichen Menschen durch massenhaftes Schottern, also das Wegräumen von Schottersteinen aus dem Gleisbett, den Castor blockieren.“ (http://www.castor-schottern.org/). Mit anderen Worten: Wie die Schale geschält wird, so wird der Schotter geschottert. Doch ist es mitnichten so, dass der Schotter Teil eines organischen Ganzen ist, dem dann ein Teil fehle. Das muss dem Sprachbenutzer erst erläutert und erklärt werden, womit gerade die Verletzung eines Musters oder anders der Einheit zwischen Form und Bedeutung der Konstruktion aufgedeckt wird, denn intuitiv ordnet man „schottern“ etwa zu „pulvern“, „bündeln“, „krümeln“ (“etwas wird als Ganzes zu Pulver, einem Bündel oder einem Krümel gemacht‘) oder zu „hämmern“ (’sich wiederholendes Geräusch; etwas mit einem Hammer bearbeiten‘). Auch wenn man nach „schottern“ googeln kann — eine okkassionelle Bildung aus der Ableitung eines Namens, die wieder anderen Regeln folgt, und zugleich aber zeigt, dass „die Sprache am Ende macht, was sie will“ — und mit Darstellungen überhäuft wird, die den intentierten Gebrauch erläutern sollen; das sprachliche Empfinden lässt sich nicht durch Quantität überreden. Der Bruch des Musters wird in der Bildung immer zugleich mit aufgerufen. Genau dieser Effekt kann intendiert sein, wie auch der zweite: Durch die Nutzung dieser Konstruktion wird die Handlung, das ‚Wegräumen der Schottersteine‘, nicht negativ besetzt, sondern positiv: Keinesfalls hätte man die Negation nutzen dürfen und vom „entschottern“ sprechen. Damit komme ich zum zweiten Punkt, der den Begriff interessant macht, wo die Brücke geschlagen wird zwischen Konstruktionsgrammatik und linguistischer Diskursanalyse (nicht Gesprächsanalyse, sondern der Diskurslinguistik nach Foucault). Die Diskussion um die Bedeutung eines Wortes (und damit auch um die Konstruktionsbedeutung) steht natürlich nicht losgelöst in der Medienlandschaft, sondern ist in einen Diskurs eingebettet, den sie maßgeblich noch vorantreibt und mitentwickelt — denn die Wortschöpfer werden zu Wortführern und damit Diskursakteuren.

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8 Kommentare leave one →
  1. Juliana Goschler permalink
    5. November 2010 15:33

    Interessant wäre jetzt aber doch, in welchen weiteren Konstruktionen „schottern“ benutzt wird. In der vorgestellten Bedeutung finde ich es auf Anhieb nur intransitiv.

    Schotterst Du schon? (http://www.utopia.de/gruppen/forum/thema/189043)
    Die Bahn schottert mit (http://twitter.com/zeitrafferin/status/27970684022)

    Der Aufruf „Castor Schottern!“ ist in dieser Hinsicht nicht ganz eindeutig – es sieht transitiv aus, aber wie weit kann man mit Castor als Objekt (rein sprachlich) gehen? Kann der „Castor ein bisschen geschottert werden“? Vielleicht soll es auch ein Nominalkompositum sein – „das Castorschottern“?

    Bei der gezielten Suche nach anderen Konstruktionen dagegen stößt man durchaus auf transitiven Gebrauch – dann aber in der erwarteten Bedeutung von „etwas mit Schotter belegen/ausstatten“, wie etwa auf diesem Modelleisenbahn-Forum (http://www.nexusboard.net/sitemap/2408/c-gleis-weichen-schottern-t303125/):

    wie schottert man korrekt C-Gleis Weichen? Darf man die überhaupt schottern ??
    nächstes Wochenende werde ich meine Weichen schottern
    … so in der Art werden die geschottert
    Es ist also ohne weiteres möglich das C-Gleis zu schottern!
    Neu verlegte bzw. geschotterte Strecken sind hell, ältere dunkel
    Das Problem beim C-Gleis liegt darin, dass entweder nur das äußere Gleisbett geschottert wird

    (Offensichtlich ist dieser Gebrauch nicht nur auf dieses Modelleisenbahnforum beschränkt:

    Wie schottert man auf eine Modellbahn auf eine schnelle Art und Weise? (http://www.nproject.org/de/modellbahn-landschaft/schottern-mit-farbe.html))

    Und tatsächlich taucht das Wort auch in Wörterbüchern auf (http://www.dict.cc/deutsch/geschottert.html) – ebenfalls in der Bedeutung (to gravel).

    In ersterem Forum sind noch weitere kreative, aber durchweg erwartbare Erweiterungen des Wortstamms zu finden:

    Als ich vor kurzem an ein Signal musste, da es defekt war und es „halb“ mit angeschottert wurde
    ich war nie ein grosser Fruend der Schotterei

    Und dann gibt es tatsächlich auch noch „schottern“ als Bewegungsverb in der intransitiven Bewegungskonstruktion [V PP(dir)]:

    Betrunkener Autofahrer schottert über Verkehrsinsel (http://www.nordbayerischer-kurier.de/nachrichten/1289274/details_254.htm)

    Nun zu Alexanders Feststellungen: Die erste, nämlich dass sich an „schottern“ illustrieren lässt, wie eine okkasionelle Bildung eines Verbs als desubstantivische Konversion zwar die primäre Bedeutung der Konstruktion (‘jmd./etwas tut etwas wiederholend / fortwährend [hämmern, lächeln etc.]‘) aufruft, allerdings nicht in der Spezifizierung, die man erwarten würde. Desubstantivische Konversion könnte hier natürlich – analog zu „zuckern“ – auch bedeuten, dass etwas „mit N belegt wird“, und das tut es ja auch tatsächlich im transitiven Gebrauch der Modelleisenbahner. Das eigentlich Merkwürdige ist also vielleicht der intransitive Gebrauch. Dass sich beim Gebrauch eines Verbs in einer anderen Argumentstruktur(konstruktion?) dessen Bedeutung ändert, sollte uns nicht überraschen. Und deshalb lässt sich möglicherweise „das sprachliche Empfinden […] nicht durch Quantität überreden“: weil selbst mehrmals täglicher intransitiver Gebrauch von „schottern“ nichts gegen die Quantität der intransitiven Konstruktion insgesamt ist. Daher denke ich, dass „der Bruch des Musters“ nicht „in der Bildung immer zugleich mit aufgerufen“ wird, sondern durch den Gebrauch als intransitives Verb.

  2. Alexander Lasch permalink
    5. November 2010 19:35

    Das ist ja interessant und eine zweite Frage, die sich daran anschließt (Kann man eindeutige Aussagen bezüglich der Transitivität von „schottern“ treffen?!). Meine Frage ist viel tiefer unter der nach Transitivität/Intransitivität aufgehängt, ich würde „schottern“ klar als transitiv einordnen — wenn tatsächlich ein intransitiver Gebrauch in Frage käme, dann wäre die Bedeutung und Argumentstruktur verändert.

    Ich versuche es noch einmal anders: Es gibt desubstantivische Konversionen mit folgendem Konstruktionsmuster auf morphologischer Ebene: Stamm eines Substantivs + n. Je nach substantivischem Stamm wird die Konstruktionsbedeutung (Konversion, evtl. mit dem semantischen Merkmal der Wiederholung einer Handlung, das müsste man sich mal im Detail anschauen) dann noch zusätzlich aktualisiert — wie bei ‚zuckern‘ (danke für das Beispiel!), ‚buttern‘ und ’schottern‘. Und zwar wie in den von Dir zitierten Fällen: Etwas wird mit Schotter/Zucker/Butter bestreut/versehen/bestrichen (oder — zumindest wäre dies denkbar — etwas wird zu Schotter/Zucker/Butter gemacht, analog zu ‚pulvern‘). Diese Verben würden eine Gruppe bilden und einen Konstruktionstyp. ‚Schottern‘ ist auf diesen einen Konstruktionstyp festgelegt (‚etwas Schotter hinzutun’/’etwas zu Schotter machen‘), wird aber in einem anderen Konstruktionstyp (‚etwas wegnehmen‘, wie etwa ’schälen‘) realisiert. Der substantivische Stamm wird also als Filler in eine Konstruktion auf morphologischer Ebene eingesetzt, die dann qua Zuschreibung etwas anderes bedeuten soll, als andere Aktualisierungen des Konstruktionstyps bedeuten. Und genau dieser Bruch wird sichtbar. Hätte man den Bruch vermeiden wollen, hätte man von „entschottern“ analog zu „enthüllen“ sprechen müssen, was man aber (und hier kommt die diskursive Ebene ins Spiel) mMn unbedingt vermeiden wollte.

    Ach, noch ein Nachtrag: Ob man dann tatsächlich den „Kastor schottern“ kann, ist natürlich eine Frage, die noch weiter geht — hier handelt es sich wohl um eine drastische Verkürzung einer komplexeren Struktur: Man nimmt den Schotter weg (hier wären wir bei dem Bruch des Konstruktionstyps mit ’schottern‘, den man wie selbstverständlich voraussetzt), damit der Kastor blockiert wird / nicht weiterfahren kann.

  3. A.S. permalink*
    28. Dezember 2010 17:12

    Schottern wird in diesem Zusammenhang klar auch transitiv verwendet:

    • Wir haben den Castor geschottert und blockiert! (fels.nadir.org/de/521/schottern-blockieren-castor)
    • Wir haben den Castor geschottert! resümiert die Kampagne „Castor schottern“ (www.radio-z.net/de/politik-beitraege.html?start=45)

    Hier scheint die Konstruktionsbedeutung der transitiven Konstruktion etwas entscheidendes beizusteuern, nämlich, dass es der Castor ist, der durch die vom Verb bezeichnete Handlung affiziert wird; im Unterschied zu zuckern oder krümeln wird die Handlung aber nicht direkt am Referenten des Objekts ausgeführt. Ich würde daraus schließen, dass es sich hier um eine Transitivierung der oben beschriebenen intransitiven Form handelt: Das intransitive schottern bedeutet „den Schotter wegräumen“ (und bricht damit auch kein Wortbildungsmuster, denn für [N > V(itr)] sehe ich bestenfalls die Bedeutung „etwas mit N tun“, wie bei hämmern). Das transitive schottern bedeutet dann „den Referenten des Objekts beeinträchtigen, indem man Schotter wegräumt“). Der merkwürdige Effekt kommt zustande, weil Verben wie zuckern und pulverisieren (und die von Juliana angeführten transitiven Verwendungen von schottern „mit Schotter bestreuen“) per se schon transitiv (bzw. semantisch zweiwertig) sind und dementsprechend eine andere Bedeutung mitbringen.

  4. Kai permalink
    28. Dezember 2010 23:11

    Hmm… Ich finde den Begriff extremst unpassend gewählt. Der Begriff „schottern“ ist für mich schon ein sehr lange feststehender Begriff und absolut nichts neues. Dieser Begriff wurde „schon immer“ benutzt, wenn eine neue Bahntrasse mit Schotter versehen wurde. Sowohl bei der großen Bahn, als auch bei der kleinen. Dort wurde „schottern“ schon immer als Kurzform von „einschottern“ (= mit Schotter versehen) bezeichnet.
    Hier wird meiner unmaßgeblichen Meinung nach also mal wieder ein Begriff bewusst falsch genutzt um so plakativ zu werden. (Der andere Begriff, der mir immer wieder aufstößt ist „Atom…“. Wer gegen Atome ist, soll sich bitte schön selbst auflösen).

    Verweis:
    Google-Suche nach „gleise schottern“ -> Null Treffer zum Castor-Transport auf der ersten Seite
    Google-Suche nach „schienen schottern“ -> Ein Treffer zum Castor-Transport auf der ersten Seite

    Disclaimer:
    Ich habe nichts gegen die Protestierenden. Ich habe nichts für die Kernenergie. Und ich habe schon mal gar keine Ahnung von Sprache auf dem Niveau, von dem hier besprochen wird.

  5. Alexander Lasch permalink
    12. April 2011 07:15

    Kontextwechsel:

    S.P.O.N. – Der Schwarze Kanal
    „Komm, wir schottern die Verfassung!“ (von Jan Fleischhauer)

    http://goo.gl/yv0Pz

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