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Unabhängig + Genitiv: Eine „neue“ Präposition

27. Dezember 2010

Vor ein paar Tagen habe ich in der Berliner Morgenpost die Schlagzeile Ein Fest unabhängig jeder Religion gefunden und in einem meiner Sprachlogs kurz als mögliches Beispiel eines analogisch getriebenen Sprachwandels erwähnt [1].

Da die Verwendung von unabhängig als Präposition mit Genitivergänzung für mich völlig unvertraut klang, habe ich natürlich auch in Betracht gezogen, dass es sich um einen Tipp- oder Kopierfehler handeln könnte. Eine Suche bei Google Books zeigt, dass das N-Gram [unabhängig des] mit 801 Treffern im Vergleich zu [unabhängig von dem]/[unabhängig vom] mit zusammen 175 000 Treffer tatsächlich extrem selten ist [2], aber doch zu häufig, um einfach als Fehler abgetan zu werden.

Ich habe deshalb zunächst mit dem Google Books Ngram Viewer die Häufigkeitsentwicklung der drei Formen überprüft, um auszuschließen, dass es sich bei [unabhängig + GEN] um eine mir unbekannte altertümliche Form handelt. Es scheint aber klar zu sein, dass das nicht der Fall ist:

Im direkten Vergleich der drei Formen fällt [unabhängig + GEN] kaum ins Gewicht, aber wenn man sich die Entwicklung dieser Form direkt ansieht, wird deutlich, dass es sich tatsächlich um eine neue Entwicklung handelt:

Das Adjektiv/Adverb unabhängig ist also tatsächlich gerade dabei, sich zu einer Präposition zu grammatikalisieren. Der früheste Beleg, den ich bei Google Books finden konnte, stammt von 1743, aus dem deutsch-französischen Code criminel de l’Empereur Charles V, vulgairemant appellé la Caroline [3]. Hier die entsprechenden Passagen (von denen die französische Fassung vermutlich das Orignal darstellt):

Interessanterweise scheint das Adjektiv/Adverb abhängig diesen Prozess nicht, beziehungsweise mit einer massiven Verzögerung mitzumachen. Es finden sich zwar vereinzelte Belege, aber keiner aus dem 18. oder 19. Jahrhundert [4].

Als Konstruktionsgrammatiker könnte uns hier interessieren, ob dieser Grammatikalisierungsprozess tatsächlich in Analogie zu einer semantisch ähnlichen Präposition angestoßen worden ist (z.B. abseits oder jenseits), oder ob wir von der Existenz einer Konstruktion [PP [P ] [NPGenitiv]] ausgehen können.

Wenn letzteres der Fall wäre, müssten wir eine Bedeutung für diese Konstruktion angeben können. Wenn man sich die Präpositionen ansieht, die eine Genitivergänzung fordern, kann man diese zu relativ kohärenten semantischen Gruppen zusammenfassen [5]:

  1. GRUND/URSACHE: angesichts, anlässlich, aufgrund, infolge, wegen, zwecks
  2. MITTEL: anhand, dank, kraft, mithilfe, mittels
  3. AGENS: aufseiten, seitens, vonseiten
  4. TOPIC: betreffs, bezüglich, hinsichtlich
  5. BENEFAKTIV/MALEFAKTIV: zugunsten, zulasten, zuungunsten
  6. OHNE BERÜCKSICHTIGUNG VON: abzüglich, anstelle, statt, trotz, unbeschadet, ungeachtet, vorbehaltlich
  7. OHNE ZUSAMMENHANG ZU: abseits, außerhalb, ausschließlich, bar, exklusive, fern, fernab, jenseits, mangels
  8. IM ZUSAMMENHANG MIT: einschließlich, inklusive, unfern, zuzüglich
  9. RAUM: diesseits, inmitten, innerhalb, oberhalb, unterhalb, unweit
  10. ZEIT: während, zeit

Die Kategorisierung ist natürlich rein intuitiv und relativ grobkörnig, und einige der Kategorien sind einander näher als andere, aber als Diskussionsgrundlage reicht sie hoffentlich.

Es fällt auf, dass die Kategorien, deren Bedeutung der von unabhängig am nächsten kommt, also OHNE BERÜCKSICHTIGUNG VON und OHNE ZUSAMMENHANG ZU die meisten Typen enthalten, was für eine höhere potenzielle Produktivität dieser Kategorie spräche. Das wiederum könnte ein Argument für die Existenz einer entsprechenden Konstruktion sein.

Umgekehrt scheint es nicht der Fall zu sein, dass diese Kategorien einzelne Wörter mit überdurchschittlicher Tokenhäufigkeit enthalten: zwar sind einige der Wörter intuitiv sehr häufig (statt und trotz, aber auch anstelle, ungeachtet, außerhalb, jenseits), aber das gilt auch für Wörter aus anderen Kategorien (z.B. wegen, aufgrund, bezüglich, zugunsten, zuzüglich, inmitten und während). Wenn Analogie die entscheidende Rolle spielt, müsste man aber erklären, warum keins dieser anderen häufigen Wörter semantisch ähnliche Adjektive/Adverben in einen Grammatikalisierungsprozess hineinzieht — warum also z.B. abhängig nicht im gleichen Maße diesen Prozess durchläuft.

Oder habe ich Wörter übersehen, die die gleiche Entwicklung durchmachen? Und was denkt ihr bezüglich der Entwicklung von unabhängig über die Frage „Analogie oder Konstruktion“?

 

[1] http://sprachlog.posterous.com/unabhangig-des-genitivs

[2] Ich habe mich bei der Suche auf den Kontext Maskulinum/Neutrum beschränkt, weil das N-Gram [unabhängig der] sehr viele Fehltreffer ergibt, bei denen zwischen den beiden Wörtern eine Satzgrenze liegt.

[3] http://books.google.de/books?id=tsFeCQdNMXYC&pg=RA2-PA105&dq=“unabhängig+des“

[4] Eine scheinbare Ausnahme ist der folgende Satz aus dem Archiv fuer Ophthalmologie 30(1) von 1884:

Unter den functionellen Störungen haben wir als nur theilweise von der Medientrübung abhängig des herabgesetzten Lichtsinnes zu erwähnen. [Link]

Tatsächlich wird der Genitiv hier aber vom Verb erwähnen gefordert; nur so ergibt der Satz einen Sinn, und es finden sich Belege für [erwähnen + Genitiv] bis ins späte 19. Jahrhundert.

[5] Ich habe hier nur diejenigen Präpositionen berücksichtigt, die für mein Gefühl im aktuellen Sprachgebrauch tatsächlich häufig mit dem Genitiv verwendet werden. Die komplette Liste, die ich aus mehreren Wörterbüchern und Grammatiken zusammengestellt habe, ist die folgende: abseits, abzüglich, angesichts, anhand, anlässlich, anstatt, an…statt, anstelle, aufgrund, aufseiten, ausgangs, ausschließlich, ausweislich, außerhalb, bar, behufs, beiderseits, beidseits, betreffs, bezüglich, binnen, dank, diesseits, eingangs, eingedenk, einschließlich, exklusive, fern, fernab, halber, hinsichtlich, in puncto, infolge, inklusive, inmitten, innerhalb, innert, jenseits, kraft, laut, links, längs, längsseits, mangels, mithilfe, mittels, namens, ob, oberhalb, punkto, rechts, rücksichtlich, seitens, seitlich, seitwärts, statt, trotz, um…willen, unbeschadet, uneingedenk, unfern, ungeachtet, unterhalb, unweit, vermittels(t), vermöge, von…wegen, vonseiten, vorbehaltlich, vorbehältlich, wegen, weitab, während, zeit, zu Händen, zugunsten, zuhanden, zulasten, zuseiten, zuungunsten, zuzüglich, zwecks.

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5 Kommentare leave one →
  1. Frank permalink
    27. Februar 2011 18:56

    Hi,

    ich hatte gerade auch die „Eingebung“ dieser Verwendung von unabhängig. Ich habe folgenden Satz formuliert: Somit werde ich unabhängig des Stipendiums als Botschafter für XXX agieren.

    Ich war mir aber ob dieser Verwendung ziemlich unsicher und bin dann auf deine beiden Blog-Einträge gestoßen.

    Somit werde ich unabhängig von dem Stipendium als Botschafter… klingt für mich nicht besonders toll – auch wenn es definitiv richtig ist. Aber es klingt ein wenig nach dem Tod des Genitivs: In der Ecke von dem Raum statt in der Ecke des Raumes. Ersetzt man von dem durch vom wird es allerdings schon schon etwas flüssiger.

    Ich glaube, ich bin durch die Ähnlichkeit zu ungeachtet darauf gekommen. Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, passt das vielleicht sogar besser….

    Bei abhängig klingt diese Verwendung etwas seltsamer: Ich tue dies abhängig des Stipendiums. Hier könnte man allerdings auch formulieren: Ich tue dies in Abhängigkeit des Stipendiums. Oder ist das doch wieder das gleiche? Ich bin gerade verwirrt. Ich tue tue dies in Unabhängigkeit des Stipendiums klingt zumindest definitiv äußerst seltsam. 😉

  2. Konrad Trümper permalink
    14. April 2011 14:47

    Hallo Anatol,

    ich bemerke die Verwendung von „abhängig“ mit Genitiv bereits seit geraumer Zeit (ca. 3 drei bis vier Jahre) und kann mich mit dieser Neuerung nur sehr schwer anfreunden, und das, obwohl ich ein bekennender Freund des Genitivs bin. Es klingt für mich einfach unnatürlich schräg und gestelzt (der Genitiv stirbt langsam aus und findet im Gegenzug neue Anwendungsgebiete?!).

    Mir ist jedoch nicht klar, ob es klare bzw. aktuell gültige Regeln gibt, die die Verwendung des Genitivs in diesem Fall verbieten. Kann da jemand helfen?

  3. Tobias permalink
    14. April 2011 15:06

    Auf Grund der Todesdrohungen („Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“) gegenüber dem Genitiv bin ich für diese Unterstützungs- und Rettungsbemühungen sehr dankbar.

  4. 17. März 2013 23:41

    „Interessanterweise scheint das Adjektiv/Adverb abhängig diesen Prozess nicht“

    Was durch folgende These zu erklären wäre:

    Es handelt sich um eine versehentliche Vermischung von Wörtern/Phrasen von ähnlicher Bedeutung, Klang und grammatischer Anbindung, wie bei:

    angeht + betrifft –> anbetrifft / anbegeht
    eintritt + zutrifft –> eintrifft
    ungeachtet (m. Gen.) + unabhängig von –> unabhängig (m. Gen.)

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  1. Unabhängig des Genitivs – Sprachlog

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