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Anglizismus des Jahres

24. Januar 2011

Vor ein paar Wochen rief Anatol Stefanowitsch auf dem Sprachlog zur Wahl des „Anglizismus des Jahres“ auf (Hintergrund und tieferer Sinn der Aktion können hier nachgelesen werden). Die Jury sollte aus Sprachwissenschaftsbloggern bestehen, deshalb bin auch ich gefragt worden, ob ich als Vertreterin des KxG-Blogs dabei sein würde.

Was hat das nun mit Konstruktionsgrammatik des Deutschen zu tun? Sieht man sich die nominierten Wörter einmal genauer an, wird schnell klar, dass es sich hier nicht allein um lexikalische Phänomene handelt, und dass außerdem auch Entlehnungen aus dem Englischen ins Deutsche sprachwissenschaftlich durchaus spannend sein können. Besonders hat es mir dabei das Wort „entfrienden“ angetan – inspiriert von der Diskussion um „schottern“ sind mir dabei mehrere interessante Aspekte aufgefallen:

Die Bildung basiert auf einem produktiven, aber nicht unrestringierten Wortbildungsmechanismus des Deutschen benutzt: [(jemanden/etwas) ent-N-en]. Interessant ist daran, dass diese denominalen Bildungen, die ein transitives Verb erzeugen, meiner Intuition nach (Fleischer/Barz sagen dazu nichts) bisher vor allem für Nomen, die etwas unerwünschtes bezeichnen, funktioniert haben (entstauben, entgiften, enteisen, entkernen, entsteinen, entbeinen) – entfrienden fällt da etwas aus der Reihe. Allerdings gibt es auch enthaupten, entmannen und entjungfern, wo körperliche Veränderungen vorgenommen werden, die zumindest nicht von allen Beteiligten erwünscht sind oder sein müssen – und in dieses Muster würde entfrienden wiederum passen, nur dass es sich dabei nicht um eine körperliche Veränderung handelt. Vielleicht sind beide Muster hier zusammengeflossen?
Im Englischen ist die Konstruktion [to un-V] und damit to unfriend als transitives Verb deutlich unauffälliger und folgt einem häufigen und produktiven Muster. Insofern stellt sich die Frage, ob hier eigentlich die Argumentstruktur aus dem Englischen entlehnt wird, und die scheinbar urdeutsche Wortbildung mit „ent-“ sich einfach nur des deutschen Morphems bedient, weil es für sich genommen bedeutungsmäßig am besten passt?

Meine Begeisterung für entfrienden kommt aber außerdem daher, dass es eine lexikalische Lücke füllt, denn es gibt kein Wort für den (aktiven) entgegengesetzten Vorgang zum „sich anfreunden„/“sich mit jemandem anfreunden„, und hier ist vom semantischen Feld her „ent-“ als Mittel der Wahl nicht abwegig, wie das Gegensatzpaar verlieben/entlieben zeigt.

Zugegeben, solange der Begriff wirklich nur auf soziale „Beziehungen“ im Internet angewendet werden kann, ist die Reichweite begrenzt, aber ich sage dem Wort, auch vollkommen intuitiv, eine größere Zukunft voraus, vielleicht dann auch als entfreunden. Dann ist es zwar kein Anglizismus mehr, aber ich würde das Wort trotzdem freudig begrüßen – ebenso wie interessante Kommentare zu den obigen Überlegungen.

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3 Kommentare leave one →
  1. 24. Januar 2011 23:43

    Wenn ich mir die ent-X-en-Bildungen so ansehe, habe ich auch den Eindruck, dass hauptsächlich etwas Konkretes, häufig (aber nicht immer) Unbelebtes von einem anderen Gegenstand, dessen „Teil“ es vorher war, entfernt wird, das von dem Entfernenden wohl für unerwünscht gehalten wird (aber sonst würde man es ja kaum entfernen): entfetten, entfrosten, enthaaren, entkalken, entkoffeinieren, entlausen, entrußen, entschlacken, entstielen, …; vielleicht auch entsumpfen und entwalden (hier sträubt sich etwas noch nicht ganz Definierbares in mir, vielleicht, weil Sumpf und Wald nicht so konkret fassbare „Dinge“ sind, die Teile von anderen „Dingen“ (der Landschaft?) sind); zu den lebenden Dingen, die von etwas entfernt werden, etwa entlausen, entwanzen, entwurmen.
    Daneben kommt die auf Abstrakta übertragene Bedeutung noch einige Male vor, z.B. entmachten, entmutigen, entnerven (?), entpflichten, entschulden. Hier ist derjenige, von dem etwas entfernt wird, vermutlich in manchen Fällen einverstanden (entschulden), in anderen nicht (entmachten). Entfreunden könnte man meiner Meinung nach in diese Reihe einfügen, obwohl so etwas wie entfreundschaften, das deutlich auf einem Abstraktum basierte, vielleicht besser passen würde — aber das wäre auch ein furchtbar langes und umständliches Wort, entfreunden ist genauso verständlich und geht viel leichter über die Lippen.

  2. Alexander Lasch permalink
    20. April 2011 10:00

    Für die Wahl des „Anglizismus des Jahres (2010)“ ist es zwar zu spät, allerdings läuft ja das Jahr 2011 und dafür sollte es noch reichen. Aufgefallen ist mir der Gebrauch von „ausrollen“ im Sinne von ‚ausliefern‘, ‚einführen‘ (to roll out) schon länger, doch heute habe ich das erste Mal die substantivische Ableitung / bzw. Direktübersetzung von „(the) rollout“ gelesen: „Ausrollung“.

    http://www.androidnews.de/samsung-galaxy-s-update-zuruckgezogen

    Dies ist ein technikaffiner Kontext und es ist schwer vorstellbar, dass „ausrollen“ und „Ausrollung“ (‚Auslieferung / Einführung von Firmware‘ ) auf andere Kontexte und in andere Anwendungsbereiche übertragen wird. Vermutet habe ich, dass sich der Begriff etablieren konnte, weil es hier eben nicht im traditionellen Sinne um eine ‚Auslieferung‘ geht, sondern um eine Bereitstellung eines Angebotes über digitale Vertriebswege. Eine (nicht repräsentative) Schnellabfrage bei Google-News für 2011 bestätigt die Vermutung:

    http://www.google.de/search?hl=de&q=ausrollung&sa=N&tbs=nws:1,cd_min:2011,cd_max:2011,cdr:1

    Allerdings wird man auch in den Tiefen der Unternehmenskommunikation fündig — das war kaum anders zu erwarten. Ein großer Logistikdienstleister wie DPD konfrontierte etwa vor zwei Jahren seine Kunden mit dem Begriff „Ausrollung“, der eine direkte Übersetzung von „rollout“ ist, bei der Nachverfolgung von Sendungen:

    http://www.gutefrage.net/frage/dpd-ausrollung

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  1. der anglizismus des jahres 2010: leaken « lexikographieblog

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