Skip to content

Argumentstrukturen in Valenztheorie und Konstruktionsgrammatik

19. April 2011

Am 1. April fand – wie auch hier im Blog angekündigt – an der Universität Hamburg ein Workshop zu Argumentstrukturen in der Valenztheorie und in der Konstruktionsgrammatik statt. Namhafte Vertreter beider Theorierichtungen hatten sich eingefunden, um darüber zu diskutieren, welche Eigenschaften von Verben und Argumentstrukturen besser in der einen oder in der anderen Theorie zu beschreiben und erklären seien und inwiefern eine Kombination beider theoretischer Ansätze erfolgversprechend sein könnte.

Thomas Herbst und Susen Faulhaber (vertreten durch Peter Uhrig) von der Universität Erlangen waren für die Sache der Valenztheorie angetreten. In ihrem Vortrag betonten sie zunächst die Gemeinsamkeiten von Valenztheorie und Konstruktionsgrammatik: vor allem die Annahme eines Kontinuums zwischen Lexikon und Grammatik und die Berücksichtigung größerer sprachlicher Einheiten – Konstruktionen – als psychologisch reales Phänomen. Der Unterschied liege ihrer Ansicht nach vor allem in der Perspektivierung auf individuelle sprachliche Items (vor allem Verben) in der Valenztheorie im Gegensatz zum Fokus auf Generalisierungen in der Konstruktionsgrammatik. Genauer gesagt sehen Herbst und Faulhaber den Unterschied zwischen Valenzmustern und Argumentstrukturkonstruktionen in folgenden theoretischen Punkten: Argumentstrukturkonstruktionen nehmen abstrakte semantische Rollen; sie existieren unabhängig von den Verben, mit denen sie auftreten können; sie sind formal unterspezifiziert; sie fokussieren auf NPs; sie sind polysem; sie haben Bedeutung; und sie sind produktiv. Valenzmuster dagegen werden üblicherweise als item-spezifisch dargestellt; sie sind gebrauchsmäßig etabliert; sie können homonym und synonym sein; und sie müssen einzeln gelernt werden. Herbst und Faulhaber bauten ihr Argument dafür, dass die Konstruktionsgrammatik zumindest eine Valenzkomponente brauche, vor allem darauf auf, dass Item-Spezifität real und durchaus häufig sei, wie sie an entsprechenden Beispielen zeigten. Zwar könnten einzelne Verben durch eine Verwendung in einer bestimmten Argumentstrukturkonstruktion auch gegen ihr eigentliches Valenzmuster punktuell in eine bestimmte Verbklasse gezwungen werden, aber die verbspezifischen Beschränkungen blieben doch bestehen, d.h. die Verwendung eines Verbs in einer Konstruktion, die nicht seiner Valenz entspreche, könne zwar semantisch transparent sein, bliebe aber trotzdem ungrammatisch. Daher sei zwar die Existenz von Generalisierungen über Muster unbestritten, aber auch die Item-Spezifität bleibe bestehen und müsse in ein theoretisches Modell integriert werden.

Im nächsten Vortrag verteidigte Adele Goldberg die sehr weitgehenden Generalisierungen von Argumentstrukturkonstruktionen. Zunächst bekräftigte sie jedoch den Punkt, dass Item-Spezifität durchaus real und wichtig und dass entsprechendes sprachliches Wissen leicht nachzuweisen sei durch die Existenz von vorgefertigten Mustern und Idiomen – selbst das, was auf den ersten Blick klar kompositionell sei, müsse einzeln gelernt werden, was vor allem sprachvergleichend sehr deutlich werde. Trotz alledem könne jedoch die Annahme von Argumentstrukturkonstruktionen viele Phänomene zufriedenstellender als andere Ansätze erklären. Dazu gehörten subtile semantische Unterschiede zwischen Alternationen (wie in He baked Sam a cake vs. He baked a cake for Sam), Lesarterzwingung (coercion) bei Nonsens-Verben, das Nichtauftreten unplausibler Verbbedeutungen, die Bedeutungsähnlichkeit von denselben Verben in verschiedenen Konstruktionen, strukturelles bzw. konstruktionelles Priming, die Bedeutungsähnlichkeit von gleichen Oberflächenstrukturen im Gegensatz zu verwandten Konstruktionen. Darüber hinaus lasse sich dieser Ansatz problemlos erweitern, um die Beschränkungen von Idiomen zu erklären.

Anatol Stefanowitsch unternahm als nächstes einen weiteren Versuch der Integration der Stärken von Valenztheorie und Konstruktionsgrammatik. Zunächst räumte auch er ein, dass grammatische Informationen sowohl item-spezifisch als auch strukturell distribuiert sein könne. Die valenztheoretisch motivierten Argumente für die Item-Spezifität von Argumentstrukturen seien die klaren Restriktionen der Produktivität, nicht vorhersagbares Kasuszuweisungen, sowie die Existenz item-spezifischer Strukturen im Spracherwerb. Dagegen seien die Existenz voll produktiver Muster (wie temporale und lokative Adjunkte), die nicht einmal Teil von Valenzwörterbüchern seien sowie der kreative Gebrauch von Argumentstrukturen (zum Beispiel bei neuen Verben) gute Argumente für strukturell distribuierte Argumentstrukturkonstruktionen. Da beide Ansätze auf klare empirische Evidenz für die Existenz sowohl von Item-Spezifität als auch Generalisierungen verfügten, sei klar, dass beide in eine Theorie integriert werden müssen. Eine gute Möglichkeit der Integration läge seiner Ansicht nach im Usage-based model, in dem jede Stufe der Abstraktion bzw. Generalisierung möglich sei. Lernen und Spracherwerb sei sowohl ein item-spezifischer Schritt-für-Schritt-Prozess, aber unbestreitbar träten auch Generalisierungen auf. Diese müssten nicht in jedem Fall zu einen produktiven Muster werden, sie könnten auch nur eine Kategorisierung bereits erworbenen Wissens sein. Das heißt, dass auch nicht-produktive Schemat existieren können. Daher sei laut Stefanowitsch eine Unterscheidung zwischen Entrenchment und Produktivität notwendig – beide Eigenschaften seien nicht diskret, sondern kontinuierlich. Sähe man einzelne Konstruktionen als Punkte auf diesen beiden Skalen, so könnte man deren Eigenschaften relativ klar vorhersagen. Der Widerspruch zwischen Item-Spezifität und Generalisierung könne so aufgelöst werden.

Auch die Vorträge von Timothy Colleman über Argumentstrukturwandel und von Elena Lieven und Claire Noble über den Erwerb von Argumentstrukturkonstruktionen zeigten noch einmal sehr deutlich die Beweglichkeit einzelner Argumentstrukturkonstruktionen zwischen den Polen Item-Spezifität und Generalisierung. In der abschließenden Diskussion wurde klar, dass dies das zentrale Problem bzw. die Stärke beider Ansätze darstellt. Ein echter Lagerkampf blieb daher völlig aus. Statt dessen verließ man den Workshop mit dem im Wissenschaftsbetrieb eher seltenen Gefühl, dass man irgendwie einen Schritt weitergekommen sei.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: