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Konstruktionen als soziale Konventionen und kognitive Routinen

5. September 2011

Tagungsbericht zur internationalen Tagung in Schloss Mickeln, Düsseldorf, am 31. August und 1. September 2011, zugleich dritte Veranstaltung des Arbeitskreises „Konstruktionsgrammatik des Deutschen“. Organisiert von Alexander Ziem, Dietrich Busse (beide HHU Düsseldorf) und Alexander Lasch (CAU zu Kiel). Unterstützt durch die Gesellschaft von Freunden und Förderern der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf e.V.

I

Ausgangspunkt für das Tagungskonzept waren Überlegungen zu den konstruktionsgrammatischen Studien zum Deutschen und den Forschungsfeldern, die innerhalb einer germanistischen Linguistik besonders stark von konstruktionsgrammatischen Studien profitieren dürften. Neben den Bereichen der Morphologie und Syntax, des Sprachwandels, des Spracherwerbs und der Phraseologie schien dies besonders die Interaktionale Linguistik zu sein. Der Titel des Fazits im gerade erschienenen Band Konstruktionsgrammatik III — „Von der geschriebenen zur gesprochenen Sprache: Quo vadis Konstruktionsgrammatik?“ — deutete dies nicht nur an.

Nach Überzeugung der Veranstalter ist der Untersuchungsgegenstand der Konstruktionsgrammatik eine Sprache in ihrem Gebrauch als kulturelle Praxis und eben so zu beschreiben — nämlich als eine kulturelle Praxis sozial handelnder Individuen. Die Resultate dieses Handelns mittels eines (multimodalen) Zeichensystems sind Gegenstand der Sprachwissenschaftler, die sich aus der Untersuchung von Diskursen (was Aspekte der Mündlichkeit wie Schriftlichkeit einschließt) Rückschlüsse erhoffen auf die Strukturen von Sprache, die erst durch kognitive Verfestigungen entstehen und konventionalisiert werden: Konstruktionen, jetzt im Weiteren verstanden als Form-Bedeutungspaare (in Anlehnung an Goldberg 1995 und 2006), lassen sich so als soziale Konventionen beschreiben.

Einleitend stellte Alexander Ziem mit dem Vorschlag einer „Social Construction Grammar“, die sich nicht als ’neue‘ Schule verstanden wissen will, sondern allein auf die genannten Vorannahmen der Konstruktionsgrammatik hinweist, noch einmal die ‚Basiskonzepte‘ einer auf die Analyse einer kulturellen Praxis ausgerichteten Konstruktionsgrammatik vor (in Anlehnung an Lakoff 1987; Goldberg 1995, 2006; Tomasello 2003): Konstruktionen sind demnach nicht-kompositionell, konventionell (als Folge ihrer Nicht-Kompositionalität) und kognitiv verfestigt (‚entrenched‘).

II

Die Tagung nahm diese Aspekte in drei Sektionen in den Blick: 1) „Konstruktionen als kognitive Einheiten und soziale Gestalten: theoretische Aspekte“, 2) „Konstruktionen in der verbalen Interaktion“ und 3) „Prägungen durch den Sprachgebrauch: text- und diskurslinguistische Perspektiven“.

i

Die Diskussion in der Sektion „Konstruktionen als kognitive Einheiten und soziale Gestalten: theoretische Aspekte“ mit Beiträgen von Anatol Stefanotisch (Hamburg), Jan-Georg Schneider (Koblenz-Landau) und Paul Gévaudan (Tübingen) war vor allem geprägt durch das Grundsatzreferat Stefanowitschs, der dazu aufforderte, Unterschiede einzelner Richtungen ‚der‘ Konstruktionsgrammatik als solche ernst zu nehmen und nicht auf der Basis eines ‚kleinsten gemeinsamen Nenners‘ weiter von einer ‚Familie von Konstruktionsgrammatiken‘ zu sprechen. Nach der kritischen Diskussion zentraler Annahmen (Konstruktionsbegriff, Netzwerk von Konstruktionen) und Formulierung von Desiderata  (Bedeutungstheorie innerhalb der KxG) schlug er vor, sich stärker auf die in der KxG untersuchten und zu untersuchenden Kernphänomene zu konzentrieren. Diese seien drei Konstruktionstypen zuzuordnen, die sich hinsichtlich der Merkmale „Bedeutungserweiterung“ und „Bedeutungserzwingung“ in Bezug auf die Relation zwischen Konstruktion und in die Konstruktion eintretendem Verb unterscheiden ließen. Schneiders Beitrag zur Forderung nach einem ‚impliziten Regelbegriff‘ in Rückgriff auf Humboldt und Paul, der Regularitäten aus der Untersuchung konkreten Sprachmaterials fassen müsse, dabei aber nicht allein auf quantitative Analysen zurückgreife (Frequenz), sondern bei der Formulierung (und Beurteilung der Produktivität sprachlicher Muster) vor allem auch diskursive Interpretationen berücksichtigen müsse,  und Gévaudans Überlegungen zu einer „(sprech-)ereignisorientierten Sprachtheorie“ schlossen in verschiedener Weise implizit gebliebene Aspekte des Tagungskonzeptes theoretisch auf und rundeten die erste Sektion ab.

ii

Die Sektion „Konstruktionen der verbalen Interaktion“ mit Beiträgen von Susanne Günthner (Münster), Kerstin Fischer (Sonderborg), Geert Brône (Antwerpen/Leuven), Wolfgang Imo (Münster), Friederike von Lehmden (Bielefeld) und Andreas Langlotz (Lausanne) zeigte deutlich auf, welches Potenzial die Interaktionale Linguistik konstruktionsgrammatischen Ansätzen zuweist: So reichte die thematische Spannweite von der Untersuchung von Konstruktionen in Alltagsgesprächen,  über strukturelle und syntaktische Phänomene (etwa bei Ad-hoc-Konstruktionen oder Appositionen), die Analyse der Orientierung von Sprechern an sprachlichen Vorbildern in konkreten Interaktionssituationen oder im Spracherwerbsprozess  bis hin zur Beschreibung von Konstruktionen als sozio-emotionale Koordinationsmittel.

In besonderer Weise wurden neben den konkreten Befunden und den zu recht diskutierten theoretischen Vorannahmen vor allem zum Konstruktionsbegriff nun auch verstärkt methodische Fragen in den Vordergrund gerückt, die vor allem auf die Frage nach dem Forschungsdesign konstruktionsgrammatischer Studien abzielten. Wenn eine Konstruktionsgrammatik gebrauchsbasiert arbeite, hieße das nicht allein, dass Korpora vor allem zur Hypothesenbestätigung und der Beschreibung sprachlicher Routinen oder Muster in Analogie zur traditionellen Grammatikschreibung herangezogen werden sollen (top-down), sondern die Arbeit an konkretem Material, welches das Resultat sozialer kommunikativer Praxis darstelle, auch zur Reformulierung selbstverständlich gewordener Beschreibungsmodelle und radikaler zur Neuformulierung (bottom-up) herangezogen werden solle — denn im gemeinsamen Interesse lägen ja gerade kognitiv verfestigte und konventionelle sprachliche Muster und eine genuin konstruktionsgrammatische Analyse genau der Phänomene, die sich der Analyse mittels etablierter grammatischer Kategorien und Beschreibungsmodelle sperrten.

Viele der an Nachmittag geführten Diskussionen ließen sich eben auf die methodisch unterschiedlich ausgerichteten Ansätze (top-down vs. bottom up) zurückführen, basal scheint daher in Zukunft eine Vorverständigung (auch für die anderen, nicht auf der Tagung  berücksichtigten Forschungsbereiche wie Syntax, Morphologie, Sprachwandel und Phraseologie) zu sein darüber, mit welchem Forschungsdesign welcher Ausschnitt von Sprache beschrieben wird.

iii

Die dritte Sektion „Prägungen durch den Sprachgebrauch: text- und diskurslinguistische Perspektiven“ mit Vorträgen von Ingo Warnke (Bremen), Juliana Goschler (Hamburg), Georg Weidacher (Graz), Torsten Leuschner (Gent), Noah Bubenhofer (Mannheim), Beatrix Weber (Dresden) und Marcus Müller (Heidelberg) rief die bereits aufgebrochene methodische Diskussion noch einmal auf. Dabei zeigte sich, dass die (zunächst) quantitativ arbeitende Korpuspragmatik und die weitestgehend qualitativ argumentierende Diskurslinguistik von konstruktionsgrammatischen Annahmen profitieren können, in dem sowohl bei der Interpretation sprachlicher Muster auf der einen als auch bei der Interpretation von Aussagekomplexen auf der anderen Seite Konstruktionen wichtige Hinweise liefern können. So verfestigen sich sprachliche Muster auch zu Form-Bedeutungs-Einheiten und Aussagenkomplexe, die als argumentative Einheit bereits Produkt einer Interpretationsleistung des Wissenschaftlers sind, lassen sich durch spezifische Konstruktionen, die transtextuell Teil dieser Aussagekomplexe werden, konkreter fassen und — wie etwa im Falle der Konzessivkonstruktionen, die Warnke für den Kolonialdiskurs herausarbeitete — einer Interpretation zuführen.

III

Gerahmt wurde die Tagung durch ein kurzes Fazit von Alexander Lasch, welches hier in diesen Bericht bereits eingeflossen ist: Zu wünschen wäre der Konstruktionsgrammatik innerhalb der germanistischen Linguistik nicht allein eine Ausweitung auf unterschiedliche Fachbereiche — wobei die Diskurslinguistik jedoch in besonderem Maße von konstruktionsgrammatischen Ansätzen profitieren dürfte –, sondern auch eine Methodendiskussion, die schlussendlich auf die Frage nach der Art und Weise der Fokussierung des Untersuchungsgegenstandes hinausläuft. Fragen nach dem Status von Konstruktionen in der Analyse und Hypothesenbildung, dem Zusammenhang von Konstruktionen, ‚der‘ Bedeutung von Konstruktionen sind weiter offen und auch mit dem oder dank des Programm/s einer „Social“ oder „Cultural Construction Grammar“  noch zu beantworten.

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