Skip to content

Workshop „DaF under Construction“ in München

13. November 2012

Vom 8. bis 10. November dieses Jahres traf sich erstmals der – bisher noch inoffizielle – Forschungskreis „DaF under Construction“ in München. Einige wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für Deutsch als Fremdsprache der LMU München, federführend Nikolas Koch und Elisabetta Terrasi-Haufe, hatten das Treffen initiiert und organisiert. Die Idee, konstruktionsgrammatisch an die Analyse von Lernersprache heranzugehen sowie aus den grundlegenden Ideen der Konstruktionsgrammatik auch neue didaktische Formate für den Fremdsprachenunterricht zu entwickeln ist nicht völlig neu, aber bisher beschränkt sich die dahingehende Forschung tatsächlich auf einige wenige wegweisende Aufsätze, wie z.B. Arbeiten von Stefanie Haberzettl, Brigitte Handwerker und Stefanie Wulff.

Tatsächlich scheint die Konstruktionsgrammatik jedoch sehr gut geeignet, den theoretischen Rahmen für Forschung im Bereich von Zweit- und Fremdspracherwerbsforschung sowie deren Didaktik zu bilden. Die Zweitspracherwerbsforschung war und ist schon immer ein stark empirisch geprägter Zweig der Linguistik – es ist grundsätzlich unumstritten, dass die Analyse „echter“ Lernersprache unabdingbar ist. Eine Grammatiktheorie, die tatsächliche Sprecher und Sprechereignisse als Forschungsgegenstand ernst nimmt, ist daher von vornherein eine naheliegende Grundlage. Dass sich im Laufe der letzten Jahrzehnte durch die Entwicklung gebrauchsgestützer Modelle in der Grammatikforschung auch eine Annäherung an korpuslinguistische Methoden ergeben hat, ist ein weiterer Pluspunkt. Gerade die Möglichkeit auch quantitativer Analysen von Lernersprachen – auch über die klassische „Fehleranalyse“ hinaus – bietet Zweitspracherwerbsforschern interessante Ansätze zur Beschreibung von Lernersprachen und Erwerbsabläufen.

Einige Teilnehmer des Workshops haben einen Teil dieser Möglichkeiten bereits angefangen auszuloten. Andere stellten die Frage nach der Eignung konstruktionsgrammatischer Ansätze für die Beschreibung und Erklärung der Ergebnisse ihrer „klassischen“ L2-Erwerbsstudien. Eine dritte Gruppe versuchte eine didaktische Nutzbarmachung konstruktions- und kognitiv-grammatischer Modelle.

Letzteres trifft vor allem auf die Vortäge von Suner sowie den von Terrasi-Haufe und Semyonova zu. Suner präsentierte eine an der kognitiven Grammatik Langackers orientierte Lehrmethode, die die Bedeutungsnuancen verschiedener Argumentstrukturkonstruktionen (z.B. Aktiv- und Passivsätze) Lernern bildhaft deutlich machen könnte. Terrasi-Haufe und Semyonova beschäftigen sich mit einem konstruktionsgrammatisch orientierten Ansatz zur Vermittlung des werden-Passivs und den verschiedenen konstruktionalen Verwendungen von werden.

Steffi Winkler und Karin Madlener stellten zwei empirische Untersuchungen vor, die bestimmte Lehrmethoden testeten. Winkler zeigte, dass die im Fremdsprachunterricht übliche Vermittlung deutscher Satzbaupläne nicht dem natürlichen Ablauf im ungesteuerten Spracherwerb entspricht und testete eine „natürlichere“ Erwerbsreihenfolge im gesteuerten Deutscherwerb italienischer Lerner. Dabei konnte sie eindeutige Vorteile ihrer Methode statistisch belegen. Madleners Untersuchung ist direkt durch die Vorhersagen Bybees und Goldbergs inspiriert, die „skewed input“ als beste Lernvoraussetzung postulieren – also das häufige Anbieten einer Argumentstrukturkonstruktion mit einem prototypischen Verb, sowie einiger weniger Beispiele der Konstruktion mit weniger typischen Verben. Madleners Ergebnisse bestätigen die Vorhersagen nicht eindeutig – ihre Untersuchung von Lernern über einen längeren Zeitraum hinweg wirft daher wichtige Fragen für einige Grundthesen der Konstruktionsgrammatik auf.

Katharina Harr, Till Woerfel, Seda Yilmaz und Nikolas Koch stellten konstruktionsgrammatisch bzw. kognitiv-linguistisch inspirierte Erwerbsstudien vor. Harrs bereits abgeschlossene Doktorarbeit zum Thema Bewegungsereignisse zeigt, wie wichtig Hilfsverbkonstruktionen für den kindlichen Erwerb des deutschen „satellite-framed“ patterns bei der Kodierung von Bewegung sind. Eine ähnliche Beobachtung spielt auch eine wichtige Rolle in Woerfels geplanter Arbeit zur Kodierung von Bewegungsereignissen im Deutschen als Zweitsprache bei Kindern mit Türkisch oder Französisch als Erstsprache. Seda Yilmaz erforscht in ihrer Arbeit den Erwerb von finiten und infiniten Strukturen durch türkisch-deutsch-bilinguale Kinder. Nikolas Koch plant eine empirische Untersuchung des Erwerbs von deutschen Argumentstrukturkonstruktionen durch DaF-Lerner und der Rolle von prototypischen Verben in diesen Konstruktionen.

Katharina Franko und Tobias Kallfell schließlich präsentierten zwei „klassische“ Zweitspracherwerbsthemen: Code-switching und dessen Erscheinungsformen in Internet-Kommunikation (Franko) bzw. eine longitudinale Erwerbsstudie anhand zweier junger Russlanddeutscher (Kallfell).

Diese erste Zusammenkunft und Sammlung möglicher Themen und Herangehensweisen zeigte insgesamt, dass sich die Verknüpfung von Konstruktionsgrammatik und Zweitspracherwerbsforschung an einigen Punkten geradezu aufdrängt. An anderen Stellen offenbarten sich aber auch Probleme, das sehr komplexe Phänomen des Zweitspracherwerbs in den theoretischen Rahmen einer Grammatiktheorie zu pressen. Ebenso deutlich wurden auch forschungspraktische Probleme wie etwa das Fehlen größerer allgemein zugänglicher Lernerkorpora und die dadurch eigentlich notwendige, aber ungeheuer zeit- und arbeitsaufwändige Erhebung eigener Daten als Vorbedingung für weitere Forschung. Die Teilnehmer waren sich einig, dass es sich daher in jedem Fall lohnt, in Kontakt zu bleiben, um sowohl theoretische Probleme weiterhin gemeinsam zu diskutieren als auch praktische Zusammenarbeit (zum Beispiel bei der Erstellung von Korpora) zu organisieren. Eine Publikation der Vorträge und ein weiteres Treffen im Jahr 2013 sind geplant.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: