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Konstruktionen im Spannungsfeld von sequenziellen Mustern, Gattungen und Textsorten

15. November 2012

Konstruktionen im Spannungsfeld von sequenziellen Mustern, Gattungen und Textsorten

Internationale Tagung am 15. und 16. November 2012 in Münster

Anliegen der Tagung ist, die Relevanz des Kontextes für konstruktionsgrammatische Analysen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.

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Donnerstag, 15.11.2012

Jan-Ola Östman (Helsinki) argumentierte in „From Construction Grammar to Construction Discourse“ über die Berkeley Construction Grammar für eine komplexe Formalisierung von „discourse patterns“ — durchaus gemeint  als das, was die germanistische Linguistik als „Diskurslinguistik“ nach Foucault versteht.

Kerstin Fischer (Sonderborg) betonte in ihrem Beitrag „Construction grammar, the usage-based model and the so-called simplified registers“, dass (bestenfalls) kognitive Konzepte der Aspekte von Situationen (partner model, task, interaction) konstruktionsgrammatisch zu untersuchen seien: „situation is not a given, and it is reasonable to assume that also with respect to situations of use people attend to functionally relevant categories.“

Dániel Czicza (Gießen) beschäftigte sich in „Inwieweit sind Form und Bedeutung von Konstruktionen prädiktabel? Zum Status der Analogie in der Konstruktionsgrammatik“ vor allem mit der Adaption des Analogieprinzips in der Valenzgrammatik, um Form-Bedeutungs-Paare zu analysieren. Er konzentriert sich dabei auf die Vorhersagbarkeit und Frequenz als Merkmale von Konstruktion und übertrug diese auf Konstrukte wie „Er gibt ihr den Bauplan“ und „Er baut ihr ein Haus“ (nach Welke 2011). Hier diskutierte er die Frage, ob „bauen“ nicht bei einer Einbindung in Konstrukte dieser Art über das Analogieprinzip ad hoc seine Valenz ‚erweiterte‘. Von konstuktionsgrammatischer Warte argumentierte man, dass Sprecher über konstruktionales Wissen verfügen, das ihnen erlaubt, bestimmte sprachliche Einheiten in andere zu integrieren – so lange, wie hier, Konstruktionsbedeutung und Verbbedeutung (in modaler Relation) miteinander agieren. Aus Sicht gebrauchsbasierter konstruktionsgrammatischer Ansätze könnte man die Einbettung von bauen in eine Ditransitiv-Konstruktion wie folgt darstellen:

Tritt geben  in die Konstruktion ein, fusionieren alle thematischen Rollen des Verbs mit den Rollen, die die Argumentstrukturkonstruktion vorgibt. Bauen jedoch fordert in seinem Rollenplan keinen Benefaktiv (BEN), der durch die Konstruktion lizensiert wird — Sprecher verfügen über konstruktionales Wissen, eine Erweiterung des Rollenplans von bauen ist hingegen nicht notwendig.[1]

Oliver Ehmer (Freiburg) stellte im Vortrag „parce que … mais … Überlegungen zu einer konzessiv-kausalen Struktur im mündlichen Französisch“ an einem umfangreichen Korpus (über 500.000 tokens) unterschiedliche Formen der „online“-Produktion von konzessiv-kausalen Mustern vor und fragte nach deren konstruktionalem Status.[2]

Alexander Ziem (Düsseldorf) widmete sich im Vortrag „Von Ad-hoc-Elaborationen zu (Argumentstruktur-)Konstruktionen: semantische und syntaktische Musterhaftigkeit im Praxistest“ der Frage der Kontextualisierung von Konstruktionen in ‚Textsorten‘, ‚Medien‘ und im größeren ‚thematischen Kontext‘, den man durchaus auch als ‚Diskurs‘ bezeichnen darf. Er nimmt dazu den Diskurs der „Finanzkrise“ in den Blick.

Steven Schoonjans (Leuven) forderte in „Mimische und gestische Veranschaulichung der Bedeutung deutscher Modalpartikeln. Eine empirische Analyse aus der Sicht der Konstruktionsgrammatik“ eine stärkere Berücksichtigung der Multimodalität von Sprache am Beispiel des Zusammenfallens von einfach (das eher Adverb als Modalpartikel ist) und dem gestischen Zeichens des Kopfschüttelns. Er ging in seiner explorativen Studie der Frage nach, wie ob sich eine Korrelation dieser Zeichen systematisch beschreiben lässt.

Anatol Stefanowitsch (Berlin) spricht über „Internetmeme als textuelle Konstruktionen“ ausgehend vom Beispiel „All your X are belong to us“ (All your base are belong to us — Zero Wing, 1991, Sega Mega Drive) und (multimodalen) Internetmemes über Konstruktionen, die variable und invariable Aspekte aufweisen, produktiv sind und über Satzebene hinausgehen. In der Analyse konzentriert er sich auf Variationen der Anrede von Dan Quayle durch Lloyd Bentsen in der Debatte zur Wahl des Vizepräsidenten in den USA 1988: „Senator, I served with Jack Kennedy. I knew Jack Kennedy. Jack Kennedy was a friend of mine. Senator, you’re no Jack Kennedy“ — zum Beispiel: „I knew 2008. 2008 was a friend of mine. 2012, you’re no 2008“ (David Rakowski ‏@ziodavino).

Freitag, 16.11.2012

Alexander Lasch (Kiel) sprach in „Wer hat Angst vor dem Islam? Konstruktionen im Dienst von Argumentationen am Beispiel der Debatte über die Errichtung von Minaretten“ (Präsentation) am Beispiel zweier Konstruktionen (im Beispiel: ein 13 Meter hohes Minarett und das passt nicht ins Stadtbild ) über die argumentative Verknüpfung von Konstruktionen.

Gijsbert Rutten (Leiden) stellte im Vortrag „Supraclausal constructions in Dutch“ Formeln aus privater Briefkommunikation zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert vor und relationierte diese mittels soziolinguistischer Parameter.

Jörg Bücker (Münster) entwarf auf der Basis eines Korpus gesprochener Sprache eine Typologie „Selbstbeantworteter Fragen“ ausgehend von Überlegungen zu Projektorkonstruktionen.

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In allen Vorträgen stand die kontextuelle Einbettung von Konstruktionen im Mittelpunkt. Letztlich blieb die Frage offen, ob (und wenn ja, wie und in welchem Grade und über welche theoretischen Konzepte)  man Kontextfaktoren in konstruktionsgrammatischen Studien berücksichtigen solle — interessante Angebote wurden in allen Vorträgen unterbreitet. Wolfgang Imo setzte diese in der Zusammenschau am Abschluss der Tagung noch einmal in Verbindung zueinander, eine Veröffentlichung der Beiträge ist geplant.

Unstrittig scheint trotz aller Schwierigkeiten hinsichtlich komplexerer Zeichen jedenfalls nach diesen zwei Tagen zu sein, dass man den Begriff „Konstruktion“ (zunächst) nicht über die Ebene satzwertiger Ausdrücke hinaus ausdehne — komplexe Projektionen in der gesprochenen Sprache mit eingeschlossen.

[1] Die Darstellung der internen Struktur im Anschluss an Goldberg, Croft und die Satzsemantik Peter von Polenz‘ ist Grundlage des (Habilitations-)Projektes Nonagentive Konstruktionen des Deutschen (Alexander Lasch) und wird auch vorgestellt in Alexander Ziem & Alexander Lasch. 2013. Konstruktionsgrammatik. Konzepte und Grundlagen gebrauchsbasierter Ansätze.

[2]  Vgl. zu diesen Phänomenen ausführlich den von Auer und Pfänder herausgegebenen Sammelband Constructions: Emerging and Emergent, den Juliane Goschler hier kurz besprochen hat.

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